Zum Problem der Eschatologie 1

Imran N. Hosein

Der Widerspruch von 𝔤𝔩𝔞𝔲𝔟𝔢𝔫 / 𝔲𝔫𝔱𝔢𝔯𝔴𝔬𝔯𝔣𝔢𝔫 𝔰𝔢𝔦𝔫 (ℑ𝔰𝔩𝔞𝔪) / 𝔣𝔯𝔢𝔪𝔡𝔤𝔢𝔰𝔱𝔢𝔲𝔢𝔯𝔱 𝔥𝔞𝔫𝔡𝔢𝔩𝔫 und 𝔣𝔯𝔢𝔦 𝔫𝔞𝔠𝔥 𝔢𝔦𝔤𝔢𝔫𝔢𝔫 𝔊𝔢𝔣𝔲̈𝔥𝔩𝔢𝔫 𝔲𝔫𝔡 𝔄𝔫𝔞𝔩𝔶𝔰𝔢𝔫 𝔥𝔞𝔫𝔡𝔢𝔩𝔫

Eschatologie hat einiges mit Futurologie und Prognostik gemeinsam. Während sich letztere aber auf präzise Daten zu stützen versuchen, berufen sich Eschatologen auf Texte, in denen die Zukunft – insbesondere ein Ende der Zeiten, zumindest katastrophale und post-katastrophale Zeiten – vorausgesagt bzw., kraft der Heiligkeit dieser Texte, festgelegt wird: Eschatologen gehen fest von der Stimmigkeit und dem absoluten Wahrheitsgehalt ihrer Texte bzw. dem, was sie aus diesen Texten schließen, aus. 

Eschatologen und Prognostiker können sich in ihren Voraussagen sehr ähnlich sein, und sicherlich waren die Autoren von heiligen Texte auf ihre Weise auch Prognostiker; ihre „Daten“ ließen sicherlich einen historischen Weitblick zu. Aber der Unterschied zwischen beiden besteht darin, daß der Prognostiker zwar auch gern recht behalten möchte, seine Voraussage aber, gemessen am tatsächlich-gegenteiligen Ergebnis, ihn nicht so sehr in Schimpf & Schande bringen würde wie den Eschatologen, sollten sich die Weissagungen seiner heiligen Texte nicht bewahrheiten. Der Eschatologe glaubt mehr an das Eintreffen des Vorausgesagten, als es der Futurologe tut, der sich meistens der Fehleranfälligkeit seiner Thesen bewußt ist und die Sache überhaupt auch nicht so ernst nimmt. 

Dem Eschatologen muß hingegen zugetraut werden, daß er versuchen wird, die Zukunft mitzugestalten – und zwar gemäß den Vorgaben seiner heiligen Texte. Bei ihm ist sogar eine gewisse Motivation zu erwarten, daß er ziemlich aktiv in das historische Geschehen eingreifen wollen könnte – daß er sprichwörtlich ordentlich in’s Rad der Geschichte zu greifen bestrebt sein könnte. Warum? Weil sein Seelenheil mit Stimmigkeit und Richtigkeit der religiösen Inhalte zusammen- bzw. sogar von diesen abhängt. Daher ist er möglicherweise zum Schummeln bereit: Das, was der Prophet – von Gott beflüstert – voraussagt, das muß am Ende stimmen; notfalls muß ich, der Eschatologe, ein wenig nachhelfen. Der Eschatologe überläßt es nicht Gott, für die Zukunft zu sorgen; er überläßt es nicht der ohne sein Eingreifen stattfindenden Wirklichkeit sich zu entwickeln und abzuspielen. „Schummeln“ insofern, als daß sich der religiöse Eschatologe im Rahmen einer gewissen Subjekt-Objekt-Dialektik nicht etwa als Teil oder als Werkzeug Gottes sieht, sondern fest an den Plan eines lenkenden Prinzips glaubt, das diesen völlig unabhängig vom Wirken schnöder Kreaturen abarbeitet, er aber dennoch aktiv im Sinne dieses – von ihm als gottgegeben geglaubten – Planes aktiv eingreift: Er mißtraut der absoluten Macht des Schöpfers, verläßt sich nicht ganz auf dessen Vollkommenheit und hilft ihm ein bißchen nach. Eine Ausnahme bilden hier jene Rabbiner, die partout einen Staat Israel nicht von Menschenhand geschenkt bekommen möchten und sich auf einen Messias als Bringer eines solchen versteift haben; diese schummeln auf keinen Fall. 

Es soll auch Eschatologen geben, die etwas weniger dogmatisch und, ähnlich den Prognostikern, tatsächlich auch ergebnisoffen sind und als Mahner auftreten: Wenn wir wissen, worauf es hinausläuft und genau die Kräfte kennen, die das Ende der Zeiten bewirken, dann können wir dieses und das endlose Leid, das damit verbunden sein wird, verhindern. 

Bei anderen Eschatologen wieder ist man nie ganz sicher, woran sie nun genau und wie stark sie eigentlich glauben. Einerseits malen sie die Hölle auf Erden an die Wand, andererseits fühlt man ihnen an, daß sie am ganzen Szenario verzweifeln und es am liebsten abwenden möchten. Doch dann fallen sie mit einemmal fatalistisch in die totale Passivität zurück und ertragen in Ergebenheit das sowieso vorherbestimmte Schicksal. Diese Eschatologen tun einem leid, man spürt ihre Zerrissenheit und fragt sich, ob ihnen nicht die Widersprüche auffallen und warum sie sie nicht aufheben wollen, denn oft sind es hochintelligente Leute, die den Prognostikern an Wissen über Wirtschaft, Finanzen, Politik usw. in nichts nachstehen und eigentlich ganz ohne heilige Texte auskommen könnten – um zur gleichen Sicht auf und in die Zukunft zu kommen. Diese Eschatologen sind auch sehr empathisch und wissen sehr genau, was auf die Menschheit mit großer Wahrscheinlichkeit – aus ihrer Sicht mit absoluter Sicherheit – zukommt, sollte der Prophet – und das tut er – recht behalten. Man merkt ihnen an, wie dringend sie das grausame Schicksal von der Menschheit abwenden und wie sehr sie ihr Wissen in die Waagschale werfen wollen. Aber dürfen sie das? Zu dieser Kategorie von Eschatologen zählt Imran Nazar Hosein. 

Den meisten der Eschatologen aber – den sogenannten Messianisten – mangelt es bekanntlich an solcher Einfühlung und entsprechendem katechonistischen Engagement. Diese können Ende der Zeiten, Armageddon und Ankunft eines Retters gar nicht abwarten und zögern skrupellos keine Sekunde, dies mit aller Kraft & Schläue herbeizuführen. 

9.9.21




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Ein Gedanke zu “Zum Problem der Eschatologie

  • Dr. Gernot Schäffner

    Tja, Peter, ich frage mich oft, ob die Rothschilds auch Eschatologen in dem von Dir beschriebenen Sinne sind. Oder sind es einfach nur Geldsäcke, die nach Macht streben und frei sind von religiösen Spinnereien ?
    Wir sprachen am Rande des Mahler Prozesses 2004 oft miteinander. Ich bin meist in Berlin. Wo lebst Du jetzt ?
    Herzliche Grüße
    Gernot