Individuation vs. Gesellschaftsklempner

Carl Gustav Jung

22.07.2017
Gestern, am 21.7.17, erschien auf der Webseite der Zeitschrift
eigentümlich frei ein beachtenswerter Artikel von Lukas Abelmann, der sich mit Schriften Carl Gustav Jungs beschäftigt und im wesentlichen aus Zitaten aus diesen besteht.

Dieser Artikel berührt den Schwerpunkt meiner Arbeit (www.tiefenwahrheit.de), und weil die Thematik in der derzeitigen Diskussion viel zu kurz kommt, möchte ich einige Stellen aus Abelmanns Artikel bzw. dort befindliche Zitate Carl Gustav Jungs wiedergeben. Zunächst diejenige Stelle, die den gesellschaftlich-politischen Rahmen absteckt:

Abelmann zitiert aus Jungs Buch „Zivilisation im Übergang“: „Dem Individuum wird die moralische Entscheidung und Führung seines Lebens zunehmend entzogen, und es wird dafür als soziale Einheit verwaltet, ernährt, gekleidet, ausgebildet, in entsprechenden Unterkunftseinheiten logiert und amüsiert, wofür das Wohlbefinden und die Zufriedenheit der Masse den idealen Maßstab abgeben.“

Von dort stößt Abelmann ins wichtigere, nämlich ins Individuelle vor, weiter Jung zitierend: “Zum einen verursacht es in dem Individuum ein Gefühl der Bedeutungslosigkeit…”

Aus dieser Vernachlässigung heraus”, so nun Lukas Abelmann, ”entsteht der Wunsch nach Kompensation, nach dem Wiedererlangen des Sinnes der eigenen Existenz”. Das Wiedererlangen sei durch „Individuation” zu erreichen.

Abelmann zitiert nun aus Band 7 der „Gesammelten Werke“ von C. G. Jung: „Individuation bedeutet: zum Einzelwesen werden, und, insofern wir unter Individualität unsere innerste, letzte und unvergleichbare Einzigartigkeit verstehen, zum eigenen Selbst werden.“ Abelmann: “Als zentralen Schritt in diesem Prozess sieht Jung die Konfrontation mit dem eigenen Schatten.”

Menschen, die mit und an sich diesen Prozeß vollziehen, würden aber, so Abelmann, “des Egoismus oder der ‘eremitenhaften Eigenbrödelei’ bezichtigt”. Diese “Anfeindungen von Konformisten müsse man erwarten und hinnehmen”. Nach Jung sei dies “irrelevant, solange man nur selbstbewusst weiter den eigenen Weg beschreite”.

Abelmann kommt sodann auf das gesellschaftlich-politisch Relevante zurück: “Dass der Einzelne bei der Lösung unserer Probleme nicht übergangen werden kann, sondern zentral und unverzichtbar ist, leuchtet unseren zahlreichen Gesellschaftsklempnern nicht ein.” Der individuelle Ansatz gehe aber “an die Wurzel des Problems und sieht von all jenen Maßnahmen ab, die den Karren bereits zuvor in den Dreck gefahren haben”.

Abelmann: “Dem Vorwurf, seine Ideen seien realitätsfremd oder zu idealistisch, entgegnete Carl Gustav Jung mit den folgenden Zeilen, die in diesen Tagen auch uns als Orientierung dienen dürften: ‘Klein und verborgen ist die Pforte, die sich ins Innere öffnet, unzählig sind die Vorurteile, Voraussetzungen, Meinungen und Ängste, welche den Zugang verwehren. Man will von großen politischen und Wirtschaftsprogrammen hören, ausgerechnet von jenen Dingen, welche die Völker stets in den Sumpf hineingeführt haben. Darum klingt es grotesk, wenn einer von verborgenen Pforten, vom Traum und von einer Welt des Inneren spricht. Was will solcher dunstiger Idealismus neben einem gigantischen Wirtschaftsprogramm, neben den sogenannten Realitätsproblemen? Ich spreche aber nicht zu Nationen, sondern bloß zu einzelnen, wenigen Menschen, unter denen es als ausgemachte Sache gilt, dass unsere Kulturwirklichkeiten nicht vom Himmel herunterfallen, sondern in letzter Linie von uns einzelnen Menschen gemacht werden. Geht die große Sache schief, so geschieht dies bloß darum, weil die Einzelnen schief sind, weil ich schief bin. Also werde ich vernünftigerweise zuerst einmal mich selber geraderichten. Dazu bedarf ich, weil Autorität mir nichts mehr sagt, eines Wissens und Erkennens der eigensten, innersten Grundlagen meines subjektiven Wesens, um auf die ewigen Tatsachen der menschlichen Seele mein Fundament zu gründen.’“

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