Mỹ Lai und der zarte Geist

Frank Engelmayer, STONER - frank & frei

21.07.2017
Zur Sendung “Hollywood Hills – Verrücktes aus der Rock’n Roll-Szene – STONER frank&frei #8” von Frank Engelmayer

Große kulturelle und zivilisatorische Leistungen gehen immer einher mit militärischer Machtausübung. Was schöngeistig und seelenzart ist, steht immer im Zusammenhang mit brutalster Gewalt.

Was die meisten übersehen und was tatsächlich schwer zusammenzupassen scheint, ist, daß von irgendeiner politischen Einheit, in der die friedlichsten Dinge gefeiert und völker- und menschenverbindende Ideale gepflegt werden, auch immer knallharte Machtpolitik ausgeht.

Wenn Händel seinen Messias komponiert oder Beethoven seine 9. Symphonie und diese Werke zur Aufführung gelangen, dann scheint das losgelöst von irgendetwas Politischem oder Militärischem. Das ist aber nicht so. Nur in prosperierenden und ausgreifenden Einheiten kommt es auch zu künstlerischen Hochleistungen. Bach hätte ohne die reiche Leipziger Bürgerschaft niemals die Matthäuspassion geschrieben. Das mag sensible Seelen, Intellos, Kultellos und Gutmenschen schockieren, ist aber so.

Politische Einheiten von Bedeutung sind immer janusköpfig, ja, bestehen aus Anteilen, die sich oberflächlich betrachtet diametral gegenüberstehen und nichts miteinander zu tun zu haben scheinen.

So paradox dies erscheint, es wird aber in der historischen Draufsicht absolut klar.

Der Verdienst von Frank Engelmayer ist es nun aber, hier sogar die personalen und familiären Verbindungen zwischen den besagten, wie unvereinbar aussehenden Anteilen aufzuzeigen.

David Crosby zum Beispiel ist als Komponist und Interpret solch intimer Songs wie “Guinnevere” oder “Déjà Vu” hervorgetreten. Aber erstens wären diese Lieder niemals ohne den US-Imperialismus weltbekannt geworden. Und zweitens besteht, wie Frank Engelmayer zeigt, sogar eine Kontinuität zwischen dem Künstler David Crosby und Vorfahren (und sicher auch heutigen Familienangehörigen), die zur militärischen und wirtschaftlichen US-Elite gehören (Crosby stammt sowohl von den Van Cortlandts als auch von den Van Rensselaers ab).

Ein Bruder zieht in den Krieg und erobert und plündert – der andere Bruder bleibt zu hause und zupft zart an der Zither. Beide treffen sich auf der nächsten Familienfeier und begehen Opas 80sten zusammen – wobei sie durchaus auch im Klinch liegen und der künstlerische Sproß der Familie dem kriegerischen Sproß Vorhaltungen macht; es kommt sogar fast zu einer Familienfehde wegen Beteiligung des Soldatenbruders am Massaker von Mỹ Lai.

Der Künstler mag zwar Thränen vergießen, aber seine Anteile verschmäht er nicht. Alles ist im Grunde nur Heuchelei und scheinheilig! Ohne die Absicherung der Handelsrouten kein Satzgesang!

Daß nur durch militärische Gewalt die musikalischen Segnungen von US-Amerikanern zu uns gelangt sind und wir deren Fans geworden sind, ist klar, aber die Frage, die sich hier außerdem noch aufdrängt, ist die, inwiefern und ob überhaupt David Crosby “Déjà Vu” erst geschrieben hätte, hätten die USA nicht den Zweiten Weltkrieg gewonnen und wären in den 60er Jahren nicht eine Weltmacht gewesen. Ohne den materiellen Luxus, den die US-Bürger dank ihrer weltweiten Dominanz genießen konnten, hätten die zarten Seelen unter ihnen niemals die Muße haben können, ihre gefühl- und gemütvollen Lieder zu schreiben.

Kein Flowerpower ohne Superpower.

Das wird oft vergessen. Daran erinnert zu haben, gebührt Frank Engelmayer Dank.

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Zum kulturell-militärischen US-Imperialismus im 20. Jahrhundert siehe auch Peter Posts offizielle, von von Bob Dylan autorisierte deutsche Bob-Dylan-Interpretationen und den der Doppel-CD “Wachablösung” entnommenen Aufsatz “I’m not there / Ich bin nicht da – Bob Dylan und ich”

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